Ehrenmord

Die Vereinten Nationen schlugen vor, die sogenannten »Ehrenmorde« (honour-killings), als »shame-killings« zu betiteln (»Scham-Morde«), um keine positive Assoziation zwischen “Mord” und “Ehre” zu schaffen. Aufgrund der öffentlichen Besetzung des Begriffs, werde ich im weiteren Verlauf trotzdem “Ehrenmord” nutzen.

Definition Ehrenmord:

Es extistieren mehrere Definitionen zum “Ehrenmord”. Nach Oberwittler und Kasselt gilt für einen “Ehrenmord im erweiterten Sinne”:

“Wir definieren Ehrenmorde als vorsätzlich begangene versuchte oder vollendete Tötungsdelikte, die im Kontext patriarchalisch geprägter Familienverbände oder Gesellschaften vorrangig von Männern an Frauen verübt werden, um die aus Tätersicht verletzte Ehre der Familie oder des Mannes wiederherzustellen. Die Verletzung der Ehre erfolgt in jedem Fall durch einen wahrgenommenen Verstoß einer Frau gegen Verhaltensnormen, die auf die weibliche Sexualität im weitesten Sinne bezogen sind. Sowohl die Existenz patriarchal geprägter Verhaltensnormen für Frauen als auch der Einfluss kollektivistischer Familienwerte ist für das Verständnis des Ehrenmordes zentral. Frauen dürfen nach den Normen dieses rigiden Ehrkonzepts keine vorehelichen sexuellen Erfahrungen haben und müssen unberührt in die Ehe gehen. Sie müssen in der Ehe ihrem Mann treu sein und sich generell schamhaft verhalten. Diese weibliche Ehre ist passiver Natur, sie ist zunächst jedem Mädchen von Geburt an mitgegeben und kann durch ihr Fehlverhalten verloren und nicht wieder zurückgewonnen werden. Die Tötung der Frau ist eine durch die Regeln des Ehrkonzeptes legitimierte Reaktion auf einen vom Mann wahrgenommen Normbruch der Frau und wird daher auch als eine Form der Selbstjustiz bezeichnet.”

(Oberwittler, D., Kasselt, J. (2011), Ehrenmorde in Deutschland. Eine systematische Untersuchung ehrbezogener Tötungsdelikte in Familien und Partnerschaften zwischen 1996 und 2005, Polizei + Forschung, Bd. 42, Köln: Wolters Kluwer Deutschland, S. 165)

Für einen “Ehrenmord im engeren Sinn” gilt:

Ein Ehrenmord im engeren Sinn ist die Tötung eines Mädchens oder einer jungen Frau durch ihre Blutsverwandten zur Wiederherstellung der kollektiven Familienehre. Häufiger als Ehrenmorde im engeren Sinn sind Grenzfälle zur Partnertötung, bei denen die Ehefrau oder Partnerin durch Unabhängigkeitsstreben, Trennung bzw. Trennungsabsicht oder (vermutete) Untreue den Anlass für die gewaltsame Reaktion des (Ex-)Partners gibt.

(Oberwittler, D., Kasselt, J. (2011), Ehrenmorde in Deutschland. Eine systematische Untersuchung ehrbezogener Tötungsdelikte in Familien und Partnerschaften zwischen 1996 und 2005, Polizei + Forschung, Bd. 42, Köln: Wolters Kluwer Deutschland, S. 165)

Die Frauenrechtsorganisation TERRE DES FEMMES e.V. nutzt folgende Arbeitsdefinition:

“Hat ein Mädchen oder eine Frau durch ihr Verhalten nach Ansicht ihrer Familie “Schande” über sie gebracht, wird diese alles tun, um die Familienehre wieder herzustellen. In einigen Fällen sehen sie die einzige Möglichkeit dafür in der Ermordung (Mord im Namen der Ehre = “Ehrenmord”) der für den Ehrverlust verantwortlichen Person.”

Zusammenfassung:

Ehrenmorde sind nur eine spezifische Ausprägung von ehrbezogener Gewalt (engl. honour-based violence). Im gesellschaftlichen und medialen Bewußtsein liegt der Fokus zumeist auf die Ermordung von Frauen, wobei auch Männer Opfer von Ehrenmorden werden können, welches von den zusammengetragenen Definitionen zumeist ausgeschlossen wird. Unter anderem weil sie als Liebhaber einer Frau identifiziert wurden oder beispielsweise ihre Homosexualität in der Familie nicht geduldet wird.
Oftmals wird vergessen, dass vor einem Ehrenmord eine Reihe verschiedene Maßnahmen der “Disziplinierung” des Opfers existieren, und es sich bei einem ausgeführten Mord nur um die allerletzte Eskalationsstufe der Gewalt gegen Frauen und Männer handelt. So werden vor der Tat Verbote, Erpressungen, körperliche Züchtigungen, Drohungen, Durchsuchungen, Beobachtungen, üble Verleumnungen und Nachreden, Isolation, Schuldzuweisungen, Abbahme der Papiere, Sperren des Handys, Kontosperren und weitere nicht-tödliche Repressalien angewendet. Erst wenn der Widerstand des potentiellen Ehrenmordopfers durch diesen Katalog an Repressalien nicht gebrochen wird (euphemistisch: Zur Vernunft gebracht wurde), kann es zu einem Familienausstoß oder im schlimmsten Fall zu einem Mord kommen. In vielen Fällen steht es dem Opfer auch frei, in den Suizid zu flüchten. Womit hier von einem “passiven” oder “indirektem” Ehrenmord gesprochen werden könnte.